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Kein Muttertagsgeschenk bekommen – was nun ?

  • by Anatoli Bauer
Kein Muttertagsgeschenk bekommen - was nun

Nur wenige andere Tage sind so emotional wie der Muttertag, an dem man sich bei seiner geliebten Mutter mit einem herzlichen Geschenk für alle Hilfen und liebevollen Jahre bedanken möchte.
Umso größer fällt die negative Überraschung aus, wenn das Geschenk ausbleibt. Das weist in manchen, aber nicht allen Fällen auf zwischenmenschliche Probleme hin. Im Folgenden geht es grundlegend um Kommunikation und Differenzierung – Prinzipien, mit denen sich viele Streitereien und Missverständnisse vermeiden bzw. lösen lassen.

Botschaften immer in der Ich-Perspektive senden

Kommunikation hat viel mit Psychologie zu tun. Sie werden sich verständlicherweise enttäuscht, gekränkt, vergessen oder beleidigt fühlen, wenn zum Muttertag kein Geschenk kam. Auch wenn es aus der Laune heraus verständlich wäre: vermeiden Sie Formulierungen wie „Wie konntest du bloß den Muttertag vergessen!“ oder „Warum hast du mich so gekränkt und am Muttertag ignoriert?“ Niemand möchte sich heftigen Vorwürfen und Anschuldigungen ausgesetzt sehen. Falls das doch geschieht, wird der oder die Betroffene meist keine sachliche Erklärung oder gar Entschuldigung liefern, sondern sich in Ausreden flüchten oder gar einen unsachlichen verbalen Gegenangriff starten.

Daher ist es stets konstruktiver, die eigenen Gedanken und Gefühle in Ich-Botschaften zu verpacken. Das wirkt bei weitem nicht so konfrontativ und gibt so fühlt sich Ihr Gegenüber nicht gleich persönlich angegriffen. Eine Ich-Botschaft wie „Gestern war ja Muttertag und ich fühle mich heute sehr traurig, weil ich keine Kleinigkeit, ja nicht einmal ein paar nette Worte bekommen habe“ weckt mehr Verständnis für die eigene Lage. Vor allem gibt dem Gesprächspartner die Möglichkeit, gleich über Ihre Gefühle und nicht direkt sein Fehlverhalten sprechen zu können. Das erhöht die Chance auf eine echte, ernstgemeinte Entschuldigung beträchtlich.

Im Kontext einer Handlung urteilen

Die erste Reaktion auf Ihre Ich-Botschaft wird in eine von zwei entscheidenden Richtungen weisen: geschah es absichtlich oder unabsichtlich? Wenn als erste Reaktion eine Aussage kommt wie „Oh Gott, das tut mir leid! Ich hatte so viel Stress in letzter Zeit…“ ist das nicht automatisch eine schlechte Ausrede. Wichtig ist hier die Beurteilung im größeren Kontext: hat Ihr Kind, sofern es berufstätig ist, schon vorher mal von einem großen Projekt auf Arbeit erzählt? Stand vor kurzem eine Beförderung an? Gerade in Führungspositionen fällt große Verantwortung mit einigen Überstunden zusammen. Liegt der Muttertag in der Woche, kann es tatsächlich sein, dass Ihr Kind bei täglich 10 Stunden Arbeit plus Fahrzeit und eventuellen familiären Verpflichtungen den Muttertag einfach mal vergessen hat.
Falls Ihr Kind noch zur Schule geht, gibt es gerade in der Abi-Abschlussprüfungszeit viel zu lernen. Auch in solchen Fällen kann stressbedingtes Vergessen vorkommen. Sofern eine spürbar von Herzen kommende Entschuldigung und ein kleines Geschenk folgen, ist glaubhaft und Sie müssen sich keine Sorgen um das persönliche Verhältnis, höchstens um die dauerhafte Belastung Ihres Kindes machen.

Statt Eskalation das Gespräch suchen

Leider gibt es auch Fälle, in denen selbst die zu Anfang erwähnten Ich-Botschaften nicht weiterhelfen und als Reaktion darauf nur stark emotionalisierte Entgegnungen wie „Überleg mal, warum“ oder „Das hat schon seine Gründe“ folgen. Selbst dann ist nicht gleich alle Hoffnung für das persönliche Verhältnis verloren, allerdings ist eine schnelle Lösung unwahrscheinlich.

Hilfreich ist hier die Grundhaltung, bei keinem allein die Schuld zu suchen, sondern in Ruhe in sich zu gehen und zu überlegen: Was habe ich vielleicht selbst falsch gemacht? Durch was könnte sich mein Sohn / meine Tochter so verbittert fühlen, dass als Reaktion das Muttertagsgeschenk ausblieb? Wichtig ist es, die Perspektiven zu wechseln.

Vielleicht liegt es am Familienstreit zu Weihnachten oder zu Ostern? Haben Sie vielleicht seine Freundin / Frau herabgewürdigt? Oder fühlt sich Ihr Kind angegriffen, weil Sie fehlende Leistungen im Studium oder Beruf angesprochen haben? Heftige emotionale Reaktionen wie absichtlich nichts zu schenken resultieren oft aus dem Gefühl, angegriffen worden zu sein und sich jetzt quasi nur zu verteidigen – auch wenn es sich für Sie genau andersherum, nämlich als Angriff, anfühlt. So entsteht schnell eine Spirale aus gegenseitigen Vorwürfen, Kränkungen und Gegenangriffen, die das Verhältnis schädigen, bis es irreparabel ist.

Bieten Sie daher möglichst gleich nach der ersten Reaktion Ihres Kindes auf Ihre anfängliche Ich-Botschaft ein Gespräch zur Klärung an. Das sollte nicht sofort, sondern mit etwas Abstand stattfinden, damit beide Seiten vorher noch in Ruhe in sich gehen können.

Dieser Artikel wurde zuletzt aktualisiert am: 6. Februar 2022 von Anatoli Bauer

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